Konzeption

Evangelische Schulseelsorge der Evangelischen Landeskirche in Württemberg 

Ein Beitrag für eine sich verändernde Schule

(Gekürzte Fassung)

 

Evangelische Schulseelsorge: Definition und Abgrenzung

Evangelische Schulseelsorge ist ein durch den christlichen Glauben motiviertes und von der Kirche getragenes offenes Angebot an alle Menschen im Lebensraum Schule (Schüler/innen, Lehrer/innen, Mitarbeitende an der Schule, Eltern). Sie bietet ein offenes Ohr, qualifizierten Rat, Hilfe und religiös-ethische Begleitung in den Herausforderungen des alltäglichen Lebens. Damit leistet sie einen unverwechselbaren Beitrag zu einer lebendigen und menschenfreundlichen Schulkultur.

1. Schulseelsorge bietet ein offenes Ohr

Schulseelsorger/innen nehmen sich Zeit für die Anliegen der Menschen im Lebensraum Schule. Sie lassen sich ansprechen und hören zu. Gespräche führen sie in wertschätzender Haltung, interessiert an und offen für die Unterschiedlichkeit der Menschen und ihrer Anliegen. Sie nehmen wahr, ohne gleich zu bewerten. Für Schulseelsorger/innen gilt, dass sie der Schweigepflicht unterliegen.

2. Schulseelsorge bietet qualifizierten Rat

Schulseelsorger/innen kommen in das Gespräch mit Menschen an der Schule, die in ihrer Situation ratlos sind. Sie haben keine fertigen Lösungen, sondern begeben sich mit den Ratlosen auf eine gemeinsame Suche und unterstützen sie bei der Umsetzung gemeinsam gefundener Lösungen.

3. Schulseelsorge bietet Hilfe

Schulseelsorger/innen ermutigen zu Lebenshaltungen und Einstellungen, die in der Situation für die betroffene Person hilfreich sind. In Absprache mit den die Seelsorge in Anspruch Nehmenden arbeiten Schulseelsorger/innen vernetzt mit anderen an der Schule Tätigen (Schulleitung,

Klassenlehrer/innen, Beratungs- / Verbindungslehrer/innen, Schulsozialarbeit, Schulpsychologen etc.) und vermitteln gegebenenfalls an kirchliche und außerkirchliche professionelle Einrichtungen bzw. machen auf Angebote im kirchlichen Rahmen aufmerksam und helfen Schwellenängste zu diesen Angeboten zu überwinden.

4. Schulseelsorge bietet Begleitung

Schulseelsorger/innen vermitteln Orientierung, verhelfen zu Lebensmut und kommunizieren Hoffnung, die aus dem christlichen Glauben resultiert. Sie halten Brüche und Fragmente in einzelnen Lebensbiographien aus, können diese stehen lassen und sind auch in den Grenzsituationen des Lebens da. Sie achten jeden Menschen als ein von Gott bejahtes einmaliges Geschöpf. Sie kommunizieren den Wert des Lebens und ein nicht leistungsbezogenes Menschenbild in den spezifischen Anforderungen des Systems Schule. Schulseelsorger/innen verhelfen zur religiösen Sprachfähigkeit und arbeiten darin mit dem Fachbereich Religion zusammen.

 

Evangelische Schulseelsorge: Grundformen

Schulseelsorge hat eine implizite und eine explizite Dimension:

Seelsorge kann und soll sich implizit in allen Feldern kirchlichen Handelns an der Schule ereignen.

Schulseelsorge intendiert ein explizit gewolltes und reflektiertes seelsorgliches Handeln an Menschen im Lebensraum Schule. Sie ist als Seelsorge „Hilfe zur Lebensgewissheit“ und „Zuwendung zum einzelnen Menschen im Namen des Christentums und im Auftrag der Kirche“ (Dietrich Rössler).

Explizite Schulseelsorge kann sich in drei Grundformen zeigen:

A. Einzelgespräche

Schulseelsorge geschieht in Einzelgesprächen, bei denen die Anliegen der die Schulseelsorge Aufsuchenden zur Sprache kommen und vor dem Hintergrund des christlichen Glaubens bedacht werden können.

Diese Gespräche finden zum einen niederschwellig (z.B. an der

 Klassenzimmertür oder im Lehrerzimmer) im Sinne der Alltagsseelsorge und zum anderen institutionell verankert zu bestimmten Sprechzeiten im eigens dafür vorgesehenen Seelsorgeraum statt.

Themen der Gespräche sind z.B.

- Schulprobleme

- persönliche Lebenskrisen wie Scheidung der Eltern, Krankheit und Tod Angehöriger, Verlust des Freundes, der Freundin

- Selbstproblematik und Sinnfrage

- berufliche Ungewissheit oder Verlust der Lehrstelle etc.

B. Begleitung von Gruppen – liturgische und spirituelle Formen

Schulseelsorge geschieht auch an Gruppen in besonders herausfordernden Situationen.

Gruppengespräche können sich auf besonders Betroffene, auf eine Klasse aber auch auf diegesamte Schule beziehen. Deshalb umfasst Evang. Schulseelsorge auch die Beratung und Begleitung aus systemischen Anlässen und aktuellen Herausforderungen. Denn Mobbing oder schwere Krankheit oder tödlicher Unfall eines Mitschülers machen Lehrer wie Schüler betroffen, so dass die ganze Klasse hier auf Unterstützung bei der Verarbeitung angewiesen ist.

Schulseelsorge geschieht in Schulgottesdiensten bzw. Andachten. Dazu gehören auch persönlichkeitsstärkende Liturgien und liturgische Formen in Grenz- oder Prüfungssituationen.

In solchen spirituellen Formen erfahren Menschen Entlastung durch Klage oder Gebet sowie Trost und Orientierung, die sie sich so nicht selbst geben können. Der ins Leben sendende und dem Leben geltende Segen Gottes ermutigt dazu, das eigene Sein in seiner Spannung und Fülle anzunehmen.

C. Vermittlung und Vernetzung

Schulseelsorge bildet ein wesentliches Scharnier zwischen Schule und Kirche. Damit verbindet sie die zum Lebensraum Schule Gehörenden mit Angeboten aus dem Raum der Kirche.

Dazu gehören z.B. Angebote der örtlichen Kirchengemeinde(n); die Jugendarbeit der Bezirksjugendwerke (Freizeiten, Wochenendangebote, Erlebnispädagogik etc.); diakonische / psychologische Beratungsstellen; Eltern- / Familienarbeit; Erwachsenenbildung, etc.

 

Zum Angebot Evangelischer Schulseelsorge

Evangelische Schulseelsorge unterscheidet drei Angebotsstrukturen:

1. Kontaktperson als Teil des Dienstauftrags

Die Kontaktperson ist an den Schulen bekannt. Alle Schülerinnen und Schüler wissen, dass sie im Bedarfsfall diese Person um Rat und Hilfe anfragen dürfen und dass diese Person dafür qualifiziert ist, entsprechend mit der Anfrage umzugehen. Kontaktpersonen nehmen die Schule bzw. die dort arbeitenden und Lernenden seelsorgerlich wahr und erkennen besondere Herausforderungen.

Diese werden in Kooperation mit anderen ins Gespräch gebracht und Lösungen

zugeführt. Außerdem ist die Kontaktperson über weitere Angebote der Evang. Kirche im Umkreis informiert und vermittelt entsprechende Kontakte.

2. Durchgängiges, wöchentliches Beratungs- und Begleitungsangebot Angebot über ein Schuljahr hinweg im Umfang einer Unterrichtsstunde (Deputatsermäßigung von einer Stunde)

Schulseelsorge hat in dieser Form einen fest zugewiesenen Platz im Stundenplan einer Schule, weist eine wöchentliche Sprechstundenzeit aus und steht für die intensivste Form der Begleitung zur Verfügung. Hier erfahren Schülerinnen und Schüler nicht nur Rat und Hilfe sondern auch durchgängige Begleitung. Auch für schulische Anliegen steht die verantwortliche Person bzw. ein Team zur Verfügung. Schulseelsorge kann so Teil des Schulprofils und der Konzeption einer Schule werden. Insbesondere an Ganztagsschulen kann damit ein spezifisch kirchliche Präsenz mit eigenem Profil gezeigt werden.

3. Punktuelle, projektartige, anlassbezogene Angebot (Maßnahmenfinanzierung)

Besondere Bedarfslagen übersteigen bisweilen die Kapazität einer Kontaktperson, wo sie anlassbezogen und intensiv einen begrenzten Zeitraum erfordern. Diese mittlere Befassungsform ist sehr variabel zu handhaben und jeweils vor Ort zu entscheiden.

Unter Maßnahmenfinanzierungen können Zuschüsse für

- Einkehrtage (auch in Klöster/Stift Urach)

- Tage der Orientierung

- Besinnungstage

- Räume der Stille

- anlass- und projektbezogene Unterstützung der Schulen im Schwerpunkt Schulseelsorge

- oder vergleichbares

geltend gemacht werden.

  

1. August 2007

Evangelischer Oberkirchenrat